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Home  /  Allgemein   /  Liebe Nationalromantiker, das Leben ist kein Sissi-Film

Liebe Nationalromantiker, das Leben ist kein Sissi-Film

Julius "Gyula" Graf Andrássy. Porträt von Gyula Benczúr

Julius „Gyula“ Graf Andrássy. Porträt von Gyula Benczúr, 1884. Gemeinfrei nach https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benczur-andrassy_gyula.jpg

Lagerberichte 6: Über patriotischen Kitsch und politische Realität

„Richtig irre“ findet Ben Krischke die Feststellung der AfD-kritischen Initiative KleinerFünf, dass Nationalismus in den vergangenen 100 Jahren zu vielen Konflikten und Kriegen geführt habe. Für Krischke hat so etwas „Kindernachrichten“-Niveau. Zeit für eine kleine Geschichtsstunde  – vom promovierten Historiker Frank Zimmer.

Lieber Ben,

als NRW-Abiturient empfindet man ja immer ein bisschen Ehrfurfcht vor dem legendären bayerischen Schulsystem. Als Bayer hast Du es absolviert, Respekt. Aber worüber habt Ihr eigentlich im Geschichtsunterricht gesprochen? Eher nicht über das 19. und 20. Jahrhundert,  sonst hättest Du das hier nicht ernsthaft behaupten können:

Nicht nationalistische Tendenzen – man könnte im Fall der AfD auch vereinfacht von „nationalen“ Tendenzen sprechen – haben zu vielen Kriegen und Konflikten geführt, sondern einerseits der Wunsch nach der Ausweitung des Staatsgebietes. Andererseits: Nicht die Besinnung auf das vorhandene Land mitsamt seiner politischen, religiösen und kulturellen Identität, worum es der AfD eigentlich geht, führte zu Kriegen und Konflikten, sondern gewaltsame Versuche, die eigene Macht auszuweiten und anderen seine politischen, religiösen und kulturellen Vorstellungen aufzuzwingen. Das erleben wir momentan eindrucksvoll beim Islamischen Staat.

Puh. Wenn das neukonservativer Mainstream ist, dann ist es höchste Zeit, an die Risiken und Nebenwirkungen des Nationalismus zu erinnern. Zeit für eine kleine Geschichtsstunde. Tut mir leid, aber da musst Du jetzt durch. (Ich trau mir das zu, ich hab das mal studiert).

„Besinnung auf das vorhandene Land mitsamt seiner politischen, religiösen und kulturellen Identität“ klingt natürlich erstmal cool. Wer besinnt sich nicht gerne auf seine Identität und legt im liebevoll gestalteten Eigenheim die Füße hoch, wenn’s draußen mal wieder stressig geworden ist.

Das Problem ist nur: Das Idyll eines „Europas der Vaterländer“, in dem jeder seinen eigene Parzelle kultiviert und ansonsten gute Nachbarschaft pflegt, entspricht der Theorie von Kleingärtnervereinen, Reihenhaussiedlungen und Bausparkassen. Mit Politik hat das wenig zu tun.

Es gibt kein Weltkatasteramt, das die Nationen dieser Erde ein für allemal kartografiert und exakt voneinander abgegrenzt hat. Stattdessen haben sich Nationen grundsätzlich selbst definiert – ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn und gerne auf deren Kosten.

Schauen wir uns mal einige dieser europäischen Nationen seit dem 19. Jahrhundert an.

Frankreich. Der Prototyp des modernen europäischen Nationalstaates. Kontrollierte und romanisierte das zum deutschen Sprachraum gehörige Elsass, das bis zur Französischen Revolution noch eine Art Autonomie genoss. Verwirklichte ab 1792 den nationalen Traum vom Rhein als der „natürlichen Grenze“ Frankreichs. (Städte wie Köln / Cologne und Mainz / Mayence waren bis 1814/15 französisches Staatsgebiet). Der Verlust von Elsass-Lothringen 1871 vergiftete die Beziehungen zum gleichzeitig entstandenen deutschen Nationalstaat.

Deutschland. Nationalstaat seit 1871. Nationales Konfliktpotenzial: Elsass-Lothringen (s.o.) mit teilweise französischsprachigen Einwohnern, starke polnische Minderheit in Westpreußen / Oberschlesien und polnische Bevölkerungsmehrheit in der preußischen Provinz Posen. Dänische Minderheit in Schleswig-Holstein. Nach dem 1. Weltkrieg Übergang polnisch besiedelter Reichsgebiete an den neu gegründeten polnischen Nationalstaat, ethnische Konflikte u.a. um den Status von Danzig.  Nationalistisch begründete Gebietsansprüche an Polen waren der unmittelbare Anlass zum 2. Weltkrieg mit bis zu 70 Millionen Toten.

Großbritannien. Militante irische Nationalbewegung seit dem 19. Jahrhundert und über die Gründung der unabhängigen Republik (Süd-)Irland hinaus. In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts Bürgerkrieg in Nordirland. Die Frage, ob Nordirland langfristig irisch wird oder britisch bleibt, ist nach wie vor offen. Sie wird mit dem Brexit wieder aktuell. Nordirland hat mehrheitlich für den Verbleib in der EU gestimmt.

Italien. Seit der Gründung des italienischen Nationalstaates 1861 gab es Konflikte um italienische Minderheiten in Nachbarstaaten. Zunächst mit Österreich-Ungarn, später mit Jugoslawien. Nach dem 1. Weltkrieg Annexion des deutschsprachigen Südtirol und jahrzehntelange Versuche, deutsche Sprache und Kultur zu unterdrücken. Heute spricht jeder vierte Südtiroler Italienisch als Muttersprache.

Kroatien / Bosnien-Herzegowina / Serbien.  Ein großserbischer Nationalist verübte das Attentat von Sarajewo und löste damit den 1. Weltkrieg aus.  Kroatische Nationalisten gründeten 1941 einen faschistischen Vasallenstaat unter deutschem Schutz. Zahlreiche Kriegsverbrechen. Nach der Auflösung Jugoslawiens ab 1991 blutige Bürgerkriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina. 1995 ermorden Serben etwa 8000 Bosnier in Srebrenica, die jüngsten Opfer waren 13 Jahre alt.

Ungarn. Dank der deutsche Filmindustrie der kitschigste Nationalismus überhaupt. Millionen von „Sissi“-Zuschauer verbinden damit den Schauspieler Walther Reyer (1922 – 1999) in der Rolle des schmachtenden Freiheitshelden Graf Andrassy.

Diesen Grafen Andrassy gab es wirklich, er kämpfte gegen die österreichische Herrschaft, floh nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes 1849 ins Exil, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt, Jahre später von Kaiser Franz Joseph begnadigt und zur Rückkehr nach Ungarn eingeladen.

Dort handelte er die Gleichberechtigung mit Österreich aus und wurde der erste Ministerpräsident des erneuerten Königreichs Ungarn. Eine Story ganz nach dem Geschmack neukonservativer Happy-End-Patrioten.

Die hässliche Seite der Kitschgeschichte ist: Sobald die ungarische Nation wieder ihren eigenen Staat hatte, pochte sie auf dessen historische Grenzen und begann die ethnischen Minderheiten innerhalb zu unterdrücken: Kroaten, Slowaken, Italiener, Rumänen, Deutsche. Das Ungarn des flotten Sissi-Grafen war keine befreite Nation, sondern sein eigener Vielvölkerstaat mit einem dominierenden Herrenvolk. 1910 gehörten etwa 45 Prozent der Einwohner Ungarns ethnischen Minderheiten an. Nationalistische Ungarn trauern noch heute der guten alten Zeit nach, als die Slowakei „Oberungarn“ hieß und Rijeka ein ungarischer Adriahafen war.

Alles alte Geschichten? Das haben wir Anfang der 90er auch gedacht. Die bald darauf folgenden Massaker auf dem Balkan konnten wir uns nicht vorstellen.

Du bist viel jünger als ich. Um die 20 Jahre schätze ich. Aber Du müsstest die Gräuel ins Bosnien Mitte der 90er eigentlich schon mitbekommen haben. Was bitte hat Serben, Kroaten und Bosnier gegeneinander aufgehetzt, wenn nicht Nationalismus?

Wenn wir wirklich zurück zum Nationalstaatsprinzip des 19. Jahrhunderts wollen, lieber Ben: Wie stellst Du Dir das genau vor? Wie soll das auf dem Balkan funktionieren, wo die EU sich bislang für Frieden und Stabilität engagiert? Welcher „Nation“ gehört Nordirland? Wie würdest Du Belgien „nationalisieren“, wem gehört Brüssel, den Flamen oder den Wallonen? Über die Ukraine haben wir noch gar nicht geredet. Die Krim: russisch oder ukrainisch? Das Baltikum: Welche Rechte darf Wladimir Putin für die russischen Minderheiten in Estland und Lettland durchsetzen?

Du hast Warnungen vor Nationalismus in Europa als „Kindernachrichten“ abgetan. Kann man so sehen. Ich würde mich im Zweifelsfall eher in den Kindernachrichten über Nationalismus informieren als in „Sissi –  Die junge Kaiserin“.

Herzliche Grüße,

Frank

Ben Krischke (l.) und Frank Zimmer arbeiten als Journalisten in München. und debattieren in „Lagerberichte“ auf schmalbart.de regelmäßig über Medien, Politik und Populismus. Foto: Christoph Born.

Die Kolumne: Auf Schmalbart streiten sich die beiden Münchner Journalisten Frank Zimmer und Ben Krischke  über Politik, Populismus, Medien und Lagerdenken. Zimmer sieht sich als linksliberaler Verfassungspatriot, Krischke als moderner Konservativer und Vollblutdemokrat. Bisher erschienen:

Folge 5: Der erbitterte und verbitterte Kampf gegen die AfD (Ben)

Bonus Track: Ben und Frank im Chat

Folge 4: Über die Doppelmoral der Alternativen Medien (Frank)

Folge 3: Über echten Konservativismus, „Beobachter Völkischer“ und eine Flasche Bordeaux (Ben)

Folge 2: Über echten Populismus und Pseudo-Konservative (Frank)

Folge 1:  Über Schmalbart, Moralsphären und politische Kampfbegriffe (Ben)

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