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Gesichtskontrolle: Die ARD-Aktion “Sag’s mir ins Gesicht”

Öffentlich-rechtliche Kommunikationsoffensive: Isabel Schayani sucht den Dialog. Foto: ARD

Öffentlich-rechtliche Kommunikationsoffensive: Isabel Schayani sucht den Dialog. Foto: ARD

Hetze, Hatespeech oder Hass: Selten war die Diskussionskultur im Netz so umstritten. Mittlerweile reagieren Medienvertreter mit diversen Formaten, um wüsten Wortschleudern einen sachlichen Diskurs entgegenzusetzen. Das tagesschau- und ARD-Team lancierte letzte Woche die Initiative “Sag’s mir ins Gesicht”. Die Idee: Via Skype können User und ARD-Follower eine Stunde lang den direkten Dialog mit ARD-Redakteuren und Moderatoren Kai Gniffke, Anja Reschke und Isabel Schayani suchen, und, wenn mutig genug, den Journalisten mal so richtig die Meinung sagen. “Von Angesicht zu Angesicht”, fordert das Programm. Spoiler-Alert: Keiner traut sich. Trotzdem liefern die drei Videos der Serie einen interessanten Zugang zur aktuellen politischen Diskursrhetorik, genauer: Einblicke in die tiefen Gräben, die zwischen der Rhetorik, wenn nicht gar dem Weltbild, von Journalisten und kritischen Bürgern liegen.

Überraschung: Es gibt auch eloquente Systemgegner

“Sie wirken manchmal sehr arrogant und belehrend”, eröffnet ein Anrufer die Kritikrunde mit Anja Reschke, Moderatorin des Polit-Fernsehmagazins Panorama. Doch Kommentare dieser Art bleiben im weiteren Verlauf der Sendung in der Minderheit. Bemerkungen zu Charakter, Erscheinung oder gar Herkunft der Moderatoren kommen – wohl dank des Videoformats – gar nicht erst hoch.

Wer das anders erwartet hat, hat vielleicht den gleichen Denkfehler wie die ARD gemacht. Stellt sich die tagesschau schon mal per Skype der User-Kritik, dann möchte mit Sicherheit nicht nur der gern als “Pöbel” bezeichnete Teil der Gesellschaft etwas loswerden. Überraschung, liebe ARD, es gibt auch eloquente Systemgegner: Das Spektrum der Anrufer zieht sich durch verschiedene Altersgruppen, Nationalitäten und Milieus, ein Großteil aber ist männlich. Viele sind bestens vorbereitet, manche bekannte Youtube-Gesichter, mit Mikrofon ausgestattet.

Zwar beziehen sich die Anrufer meist auf sehr spezifische Erfahrungsmomente mit der ARD, aber in einer Überzeugung sind sich viele einig: “einseitige Berichterstattung”, “Mainstreampresse ist Systempresse”, ja, sogar: “Lügenpresse!”. Dafür tragen manche Anrufer ganz konkrete, wenn auch teils sehr herausgegriffene, Beispiele und Belege vor.

Rechtspopulismus als Reizwort

Ein ehemaliger Polizist unterstreicht seinen Missmut über die Flüchtlings-Berichterstattung mit einer Kriminalitätsstatistik. Er könne nicht verstehen, wie noch immer so positiv über das Thema berichtet werden könne, “das Einreisen von unkontrollierten Menschen bei denen man nicht weiß, was der Hintergrund ist, das führt diesen Staat an den Abgrund.” Er ist sich sicher: “Da gibt es auch keine zwei Meinungen, das ist eine ganz klare Sache.” Reschke wiederspricht – offensichtlich gäbe es doch hier zwei Meinungen, macht dann aber weniger geschickt schnell mit dem nächsten User weiter.

Eine andere Anruferin legt Isabel Schayani eine Statistik vor, die Zahlen zu den Todesopfern islamistischer Gewalt mit denen rechter Gewalt vergleicht. Ihre Forderung: die ARD konzentriere sich auf ihrer Jagd nach Hetze im Netz zu sehr auf das rechte Spektrum. Ein AfD-Mitglied meldet sich mit einem ähnlichen Verweis zu Wort: die tagesschau sei zu “unkritisch”, auch die ständige Verwendung des Begriffs “Rechtspopulismus” für die AfD sei unangebracht – “warum ist nie die Rede von Linkspopulismus?” Kai Gniffkes an sich schlüssiges Argument, die AfD hätte als neue Partei einer Einordnung bedurft, anders als beispielsweise die länger bestehende Die Linke, wird leider vielleicht gerade jenen Bürgern, die etablierten Parteien und Institutionen misstrauisch gegenüber stehen, in die Hände spielen.

„Reichsbürger – Die Show“

Eins wird besonders diskutiert: der Rundfunkbeitrag. Für einige Anrufer ist die Finanzierung eine logische Analogie zu staatsnaher, regierungsfreundlicher Berichterstattung. Umgekehrt argumentieren Reschke, Gniffke und Schayani gerade basierend auf der staatlichen Finanzierung für ihre Unabhängigkeit. Der tief sitzende Verdacht der Anrufer, dass die Gelder den Journalisten in Sachen Merkel und Co. die Samthandschuhe anziehen, prallt unmittelbar auf das ebenfalls tief verankerte Selbstverständnis der Moderatoren, nur so politisch unabhängig sein zu können.

“Warum muss ich das zahlen, wenn es mir nicht gefällt?”, fragt ein Youtuber Isabel Schayani, der sich als “Medienkritiker” mit eigenem Kanal vorstellt (auf dem er unter anderem Anja Reschkes Brexit-Fahrstuhlvideo “rezensiert”). Seine bewusst provokante These: Auch rechtsextreme Gruppierungen zahlen den Rundfunkbeitrag, rechte Stimmen werden in den öffentlich-rechtlichen Medien hingegen  weder vertreten noch geduldet. “Es muss doch die ganze Bandbreite abgedeckt werden, es müsste im Grunde ja auch eigentlich eine Sendung im ARD geben, die ‘Reichsbürger – Die Show’ heißt.” Schayani beruft sich in ihrer Gegenargumentation auf die demokratische Grundlage und ihren Gesellschaftsauftrag, den Bürger unabhängig vom Geldgeber zu informieren: “Das ist doch der Wert des Systems”, räsoniert sie.

Doch die Forderungen häufen sich: “Kennen Sie auch nur einen Journalisten in ihren Kreisen, der von sich sagen würde, er sei rechts?”, fragt ein Anrufer Anja Reschke. (“Rechts” definiert er dabei mit “patriotisch, nationalorientiert, überfremdungskritisch, EU-kritisch.”) Seine These: “Es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen des Journalismus, dass in den Redaktionen eigentlich nur Leute sitzen, die einer Meinung sind, heißt eher so aus dem linksliberalen Raum stammen.” Der Rundfunkbeitrag würde so auch indirekt SPD, Grüne und Linke unterstützen – meint er.

Ähnlich verhält es sich mit Kommentaren zur außenpolitischen Berichterstattung: Hartnäckig hält sich der Vorwurf, öffentlich-rechtliche Medien würden Partei ergreifen, nicht immer beide Seiten zeigen. Ein türkischer Anrufer bemängelt die “einseitige”, zu kritische Berichterstattung zu Erdogan, ein russischer Mitbürger diagnostiziert der Ukraine-Berichterstattung eine zu russlandfeindliche Tendenz. Im Syrienkonflikt hätte ARD darauf hinweisen sollen, dass der Krieg in Syrien “angezettelt” war.

Das Misstrauen bleibt

Schayani, Reschke und Gniffke reagieren ruhig und gelassen, beharren auf ihr tägliches Bemühen, den genannten Ansprüchen gerecht zu werden. Bei manchem bleibt jedoch schlichtweg die Spucke weg: “Das System sorgt für Lügen, denn wenn ich in Youtube schaue, und 11. September eingebe, da kommen krasse Sachen, die Mainstreamstory wird auseinandergenommen. Auch mit harten physikalischen Beweisen. Ich kann das jetzt nicht beweisen, weil ich kein Physiker bin, aber es scheint mir sehr überzeugend, und dann frage ich mich, wieso kommt sowas nicht in ARD?”

Doch trotz einiger kurioser und non-linearer Reden – die Debatte bleibt durchsetzt von Grundsatzfragen qua Demokratieverständnis. Alternative Medienoutlets haben ein Weltbild fernab der öffentlich-rechtlichen Medien ermöglicht, sodass Reschke und Co. mit ihren “Common Sense”-Argumenten nicht selten ins Straucheln kommen. Nicht, weil ihre Argumente haltlos sind – vielmehr bleibt das Misstrauen oft schier unüberwindbar. Der Anklage “Einseitigkeit” kann vielleicht noch entgegengearbeitet werden, das Etikett “Systempropaganda” ist schwieriger abzuschütteln. “Sag’s mir ins Gesicht” ist ein erster Schritt, leider mit Beigeschmack: “Angesicht zu Angesicht” – aber nicht auf Augenhöhe. Ein Teufelskreis.

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